Digitales Bürgerengagement im Neuland

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Dienstag, 27. Oktober 2015

Digitales Bürgerengagement im Neuland

Serie: OK Labs in Nordrhein-Westfalen

Das OK Lab Bonn kann in seiner jungen Geschichte bereits auf einige Erfolge zurückblicken. Seit März 2015 treffen sich monatlich engagierte Bürgerinnen und Bürger um Open Data in ihrer Stadt weiterzubringen. Als OK Lab, unterstützt durch die Open Knowledge Foundation, werden Open Data- und Bürgerprojekte initiiert und motiviert vorangebracht. In unserer Serie stellen wir sie vor: die OK Labs in Nordrhein-Westfalen. 

Stefan Wolfrum, Gründer des OK Labs Bonn, suchte vor einiger Zeit Mitstreiter rund um das Thema Open Data in Bonn. Beim Bonner Barcamp traf er auf Sven Hense, Projektgruppenleiter für E-Government bei der Stadt Bonn. Für Sven Hense war klar, dass die Öffnung von Daten eine Zusammenarbeit zwischen Politik, Stadtgesellschaft und Behörden benötigt: „Ich hatte mir überlegt, wie man die Zusammenarbeit der Stadt mit dem OK Lab Bonn bewerkstelligen kann. Die Resonanz während der ersten Vorstellung der Idee einer Session während dem ersten Bonner BarCamp war wirklich sehr positiv. sDas hat uns nur bestärkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Deshalb bin ich als Co-Gründer des OK Labs in der Stadt-Rolle mit dabei. Ich will versuchen, als Ansprechpartner nah dran zu sein. Denn wenn Sachen entwickelt werden, hängt es derzeit an den fehlenden Daten und da bin ich dann der Kontakt in die Fachbereiche“.

Jung aber schon ganz groß

Trotz des jungen Bestehens des Bonner OK Labs, haben sich bis zu 100 Personen in der Bonner OK Lab Meetup-Gruppe registriert. Darunter befinden sich sowohl aktive, als auch passive Mitglieder gleichermaßen. Zu den regelmäßigen Treffen sind in etwa zwischen 8 und 20 Personen anwesend. Viele der Mitglieder arbeiten auch nur an bestimmten Projekten mit, je nach Zeit und Interesse. „Das OK Lab ist ja freiwilliges Bürgerengagement; wir sind hier vor Ort kein eingetragener Verein und haben auch keinen Vorstand“, so Stefan Wolfrum. Außerhalb der OK Lab Treffen ist die Gruppe stark digital vernetzt, beispielsweise über Twitter, Facebook, Meetup bzw. Slack und GitHub.

Laufende Projekte in Bonn

Josef Schugt hat beispielsweise in Bonn alle Stolpersteine kartographiert und fotografiert. Stefan Wolfrum arbeitet in Zusammenarbeit mit der offenen Werkstatt Dorkbot Bonn an einem Projekt zur Luftmessung in Bonn: „Wir basteln Elektronik mit verschiedenen Sensoren für Feinstaubbelastung, für Ozonwerte und alle möglichen Wetterdaten. Das Ziel wäre, ein kleines Messgerät zu entwickeln, das Bürgerinnen und Bürger bei sich zu Hause im Garten oder Balkon hinstellen. Die gemessenen Daten laufen dann zusammen und geben Auskunft über die Luftverschmutzung in Form einer Karte. Daraus kann man dann ablesen, zu welchen Zeiten und an welchen Orten die Luftverschmutzung hoch oder niedrig ist. In ganz Bonn gibt es bislang nur ein einziges solcher Messgeräte. Das ist zu wenig, also wollen wir selber etwas tun“. Auch das OK Lab Stuttgart ist in diesem Bereich aktiv und baut bezahlbare Open Source Do-it-Yourself Feinstaub-Sensoren um die Luftverschmutzung in Stuttgart messen zu können.

Ein weiteres, abgeschlossenes Projekt des Labs ist der Bonn-O-Mat zur Oberbürgermeisterwahl, die am 13. September stattfand und auf große Zustimmung traf. Auch das Portal KinderBonn.de  von Damian Paderta nutzt verschiedene offene Datenbestände, um Auskunft für Eltern, Kinder und Jugendliche aus dem Raum Bonn zusammenzutragen. Auf dem Portal werden Informationen zu sämtlichen Einrichtungen und Organisationen, die einen Bezug zu Kindern und Jugendlichen haben, zusammengetragen. Das können beispielsweise Informationen zu Spielplätzen sein, Kindertagesstätten oder Kinderärzten.

Weitere Ideen in Planung

An Einfällen für verschiedenste Projekte mangelt es dem OK Lab Bonn nicht. Oftmals sind die Ressourcen einfach zu knapp, um die tollen Ideen umzusetzen. Stefan Wolfrum möchte im Rahmen des OK Labs weitere Projekte auf den Weg bringen: „Weitere Ideen wären auch einfache Informationen auf Handys zu bekommen: der Müllkalender oder Informationen über Aufzüge an Bahnhöfen. Es gibt für viele Dinge auch schon Umsetzungen von anderen OK Labs. Auch bevor es OK Labs gab, konnte man schon Open-Source-Lösungen finden. Die Wasserqualität in Bonn haben wir uns angeschaut. Dazu liegen Daten bei den anderen OK Labs beispielsweise auch schon vor. Ideen haben wir viele, aber meistens hapert es ein wenig an der Umsetzung, sprich verfügbarer Zeit und Ressourcen“.

Allen voran steht das bürgerschaftliche Engagement

Bürgerschaftliches Engagement kennt man in vielen Bereichen, jedoch meist offline in Form von Vereinen oder Initiativen. Durch die OK Labs gibt es nun auch einen Ort, der dies in digitaler und ungezwungener Form möglich macht. Sven Hense hebt das digitale Engagement hervor: „Was ich an der Sache toll finde, ist das bürgerschaftliche und technische Engagement für die Entwicklung von Anwendungen. In dieser Form gibt es das kaum und wenn, tritt dies auch nicht genug öffentlich in Erscheinung. Wie man sieht, kann man sich eben in diesem Bereich  technisch engagieren und erreicht als Entwickler möglicherweise direkt eine hohe Nutzeranzahl in der Stadtgesellschaft".

Vernetzung mit den anderen OK Labs bringt Mehrwert

Zwischen den OK Labs gibt es viele Schnittpunkte. Hier lohnt der Austausch und die Zusammenarbeit, die zum großen Teil online stattfindet. Sascha Foerster, Mitglied des Labs, begrüßt vor allem das Mutterschiff Open Knowledge Foundation: „Bei der Internet- und Gesellschaftskonferenz re:publica in Berlin habe ich mit Julia Kloiber und anderen Mitgliedern persönlich gesprochen, die schon viele Erfahrungen z.B. in den USA gesammelt haben. Der weltweite Austausch für lokale, wirksame Projekte, das ist der Mehrwert an den OK Labs. Vorher gab es einzelne Projekte, die etwas für die Zivilgesellschaft machen wollten, denen fehlte es aber an diesem Dach, dass die Open Knowledge Foundation bietet. Das Label  gibt allen Labs ein gutes Image und hilft dabei Unterstützung von Sponsoren zu bekommen. Doch vor allem die Vernetzung der Mitglieder hilft: Wenn bereits ein Projekt stattgefunden hat, kann es ganz leicht adaptiert werden. Man muss dank der offenen Quellen das Rad nicht neu erfinden. Innerhalb der Teams ist die Vernetzung der verschiedenen Talente auch sehr wichtig: Mal sind Entwickler dabei, mal Grafiker, mal Programmierer und mal Community Manager. So kann gemeinsam sehr schnell ein Projekt online gehen, wofür man sonst Tage oder Wochen benötigt hätte. Die Schnittstellen zu Wissenschaft und Gesellschaft, bspw. in Form von Citizen Science, sind ebenfalls hilfreich. Ich habe z.B. selbst Daten in einem Forschungsprojekt gesammelt und diese danach offen zur Verfügung gestellt um einen Mehrwert für alle zu erreichen“.

„Uns fehlen finanzielle Mittel“

Die Arbeit in den OK Labs findet freiwillig statt. Eine institutionelle Unterstützung ist durch das Dach der Open Knowledge Foundation gesichert. Um erfolgreiche Projekte auch nachhaltig auf den Weg zu bringen und auch erfolgreich abschließen zu können, bedarf es einer weiteren Finanzierung. Stefan Wolfrum merkt an, dass die finanzielle Unterstützung immer ein Thema ist: „Oft reicht auch wenig finanzielles Sponsoring aus, dafür aber an gezielten Stellen für die Beschaffung von Hardware, Lizenzen oder Hostinglösungen. Im Großen und Ganzen muss in der  Stadtgesellschaft bekannt werden, „dass im bürgerschaftlichem Bereich etwas passiert - hier werden Mehrwerte für das tägliche Leben, egal ob Veranstaltungskalender oder größere Projekte wie KinderBonn.de, geschaffen“.

Open Data durch Behörden? Es lohnt sich!

Der Bedarf an offenen Daten darf nicht unterschätzt werden. Noch sind nicht genügend Daten unter freien Lizenzen vorhanden. Einige engagierte Mitglieder sammeln auch selbst die Daten, die sie benötigen und stellen diese anderen wieder frei zur Verfügung. Für das Forschungsprojekt Deutsche Nachkriegskinder benötigte Sascha Foerster eine Liste aller Einwohnermeldeämter in Deutschland. Er staunte nicht schlecht, als er feststellen musste, dass es so etwas gar nicht gibt. Das Gemeindeverzeichnis, was nicht immer Deckungsgleich ist, kostet sogar 108€. Also hat er nicht lange gewartet und einen Großteil der Daten händisch gesammelt und im OpenData-Portal der Stadt Bonn veröffentlicht. „Es hätte meine Forschung deutlich erleichtert, wenn es wenigstens eine Anlaufstelle gegeben hätte, die mich beim Sammeln dieser wichtigen überregionale Daten unterstützt hätte“, so Foerster.

Ein gesellschaftlicher Wandel zur Offenheit

Klar ist, dass für viele das Internet noch „Neuland“ sein mag, für andere wiederum ist es eine alltägliche Lebensrealität wie für andere der Fernseher oder eben das Radio. Die Schwierigkeit liegt darin, diese beiden Gruppen zusammenzubringen.

Stefan Wolfrum zweifelt an, dass alle Menschen, egal ob in der Verwaltung oder auch privat, ihre Daten offen legen wollen. Die Öffnung von Daten, aber auch von Arbeitsweisen, ist ein gesellschaftlicher Wandel. „Es gibt sehr interessante Daten in der Verwaltung, aber diese waren bislang nicht darauf ausgerichtet sie zu veröffentlichen und Schnittstellen nach außen zu ermöglichen. Dies im Nachhinein umzusetzen und viele Arbeitsweisen umzukrempeln ist natürlich aufwendig und schwierig. Hinzukommt natürlich eine zurückhaltende Grundhaltung vor den neuen digitalen Anforderungen und dem Veröffentlichen der Datenschätze“, so Sascha Foerster.

Stefan Wolfrum erzählt von der Überzeugungsarbeit, die sie bereits als OK Lab leisten mussten: „Das verstehen eben ganz viele nicht. Man muss erst einmal erläutern, warum das sinnvoll sein kann und welcher Mehrwert entsteht. Das ist eine ähnliche Frage welchen Mehrwert Twitter oder überhaupt soziale Medien haben. Man muss eben lernen, die Tools zu handhaben und damit umzugehen. Die Angst ist groß, dass alle sehen können was man da im Netz so schreibt. Aber das ist ja auch der Sinn daran, so vernetzt man sich heute“.

Offen, ja oder nein?

Sven Hense von der Stadt Bonn erklärt, dass die Frage der Öffnung ganz allgemein zunächst ein Politikum ist. Es geht um die politische Basisfrage mit welcher Verbindlichkeit und mit welchen Ressourcen Open Data umgesetzt wird. „Bundesweit geht es immer um die Frage, ob man das überhaupt will. Will man überhaupt transparent werden? Will ich überhaupt öffentlich arbeiten? Es muss beantwortet werden: Was ist eigentlich öffentlich? Was darf beispielsweise aus Datenschutzgründen nicht öffentlich sein? Dazu kommt, dass die kommunale IT bislang auch nicht mit öffentlichen Web-Schnittstellen für Open Data versehen ist. Der Ansatz, Daten zu publizieren und mit Schnittstellen zu versehen war bis vor kurzem schlicht nicht gefordert und fließt bundesweit noch sehr zurückhaltend in die Vergabeentscheidungen für Beschaffungen ein. Erst ganz langsam wächst das Bewusstsein in den Köpfen. Das ist kein Kurzsprint, sondern sicher ein Thema für die nächsten 10-20 Jahre“.

Es fehlen flächendeckende Daten in NRW

Um tolle Anwendungen umsetzen zu können, braucht es vor allem flächendeckende Daten. Vielerorts gibt es Daten aus einer bestimmten Stadt oder einer Kommune. Wenn die gleichen Daten in allen NRW-Städten zur Verfügung stehen würden, würden sich tolle Projekte und auch Kooperationen anbieten. Was fehlt, ist die Verpflichtung und damit auch die Flächendeckung, so Sven Hense: „Wenn ich jetzt eine App für Nordrhein-Westfalen entwickeln will, kann ich höchstens auf die Daten von ein paar Städten zurückgreifen. Es fehlt die Verpflichtung die Daten online zu stellen und auch zu harmonisieren, sodass die Daten auffindbar sind und über eine gleiche Datenqualität verfügen. Diese Grundlagen vereinfachen die Arbeit der Entwickler“.

Einfach loslegen!

Als das OK Lab ganz am Anfang stand, mussten natürlich erst einmal einige Rahmenbedingungen besprochen und geklärt werden. Die Motivation, Dinge in die Tat umzusetzen ist groß. Stefan Wolfrum berichtet von den ersten Treffen: „Das bringt mich zu einem Punkt. Als wir das OK Lab gegründet haben, da haben wir immer offen gesagt, wir wollen den Fokus legen auf ‚Machen‘. Wir wollen anfangen und loslegen. Wir wissen auch, und merken es immer wieder, dass man sehr viel auch nur diskutieren kann. Aber man muss auch einfach mal machen. Es wird sich technisch immer alles weiterentwickeln. In den nächsten Jahren wird es natürlich neue Impulse und technische Weiterentwicklungen geben. Wir müssen die Nachhaltigkeit der Projekte im Blick haben. Wenn wir aber nur warten und diskutieren, kommen wir zu nichts und verzichten auf tolle Mehrwertanwendungen für die Gesellschaft“.

Vielen Dank für das Gespräch!

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